HTG-Kongress 2014 in Berlin

HTG-Kongress 2014 in Berlin

100-Jahrfeier und HTG-Kongress in Berlin

Berlin im Zeichen des Wasserbaus

Hochkarätige Vorträge zu allen Facetten des Wasserbaus, das feierlich begangene 100-jährige Jubiläum der Gesellschaft sowie ein intensives Branchennetworking prägten den diesjährigen Kongress der Hafentechnischen Gesellschaft in der deutschen Hauptstadt.

Der Höhepunkt des Jahres für die Hafentechnische Gesellschaft (HTG) stand an und 500 Vertreter aus Fachbehörden, Wissenschaftler sowie von Planungs-, Beratungs- und Bauunternehmen rund um das Thema „Wasserbau“ aus allen Teilen Deutschlands kamen zusammen, um sich auf dem diesjährigen Kongress der HTG über die neuesten Entwicklungen auf ihrem Fachgebiet zu informieren. Neben dem fachlichen Austausch wurde in der deutschen Hauptstadt in feierlichem Rahmen das hundertjährige Bestehen der Gesellschaft begangen und auch das Networking in den Kongresspausen und an den Kongressabenden kam nicht zu kurz.

Bevor der eigentliche Kongress am Donnerstag startete, stand am Mittwochnachmittag das Jubiläum der Gesellschaft im Fokus. Dabei bewies die Gesellschaft gleich zu Beginn der Veranstaltung, dass sie trotz ihres Alters alles Andere als „verstaubt“ ist. Denn der 25-jährige Poetry-Slammer Julian Heun würdigte mit mehr als nur einem Augenzwinkern die Leistungen des deutschen Ingenieurs. Auf diesen erfrischend-amüsanten Auftakt folgte die offizielle Eröffnung des Kongresses durch den Vorsitzenden der Gesellschaft. Reinhard Klingen erinnerte an die Gründung der Gesellschaft vor 100 Jahren und die zahlreichen Meilensteine bis zum heutigen Tag. Eine stärkeres Selbstbewusstsein und eine stärkere Eigenpositionierung des Ingenieurs forderte Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, in seinem anschließenden Grußwort. „Ohne den Ingenieur würde unser Land heute nicht dort stehen, wo es steht“, lobte Ferlemann verbunden mit dem Apell, die Leistungen der deutschen Ingenieure gegenüber der Öffentlichkeit deutlicher als bisher darzustellen.

 

Mit dem Festredner, dem ehemaligen Bau- und Umweltminister Klaus Töpfer hatte der HTG-Vorstand einen sehr guten Griff gemacht, brachte er doch das sehr grundsatzpolitisch anmutende Thema „Von der (Un-) Möglichkeit des Bauens in einer offenen Gesellschaft“ sehr kurzweilig auf den Punkt. So stellte er deutlich heraus, dass er sich vom Podium herab nicht als der bessere Fachmann vor dem praxiserprobten Auditorium generieren wolle. Vielmehr rief er mit seinem Wortbeitrag dazu auf, im Dialog mit den gesellschaftlichen Gruppen auch Großprojekte aktiv anzugehen, dabei aber auch die notwendige Sensibilität und Flexibilität mitzubringen.

Ein weiterer Höhepunkt der Eröffnungsveranstaltung war die Verleihung des Preises der Werner Möbius-Stiftung an Dr. Friedrich Oeser, der für sein Lebenswerk geehrt wurde. Dabei waren für die Vergabeentscheidung nicht nur seine Verdienste als Ingenieur maßgeblich, sondern auch seine Vorbildfunktion als hanseatischer Kaufmann des alten Schlages, für den das gegebene Wort und ein Handschlag gleichbedeutend mit der Unterschrift unter Verträge waren und sind.

Am Donnerstagmorgen begann dann der eigentliche Kongress. Dass er wie gewohnt sehr hochkarätige Referentenbeiträge bieten würde, hatte sich bereits im Vorfeld gezeigt: 140 Beiträge wurden eingereicht, nur die besten 60 wurden in das zweitägige Programm aufgenommen. Mit diesen 60 Beiträgen aus 15 Bereichen gelang es dem Paper Selection Committtee, die Breite der Themen des Wasserbaus abzubilden: Von den Problemen der Binnenufersicherung über Details des Hafenbaus bis hin zum Trendthema „Offshore-Bau“ – viele der Arbeitsbereiche, mit denen sich die HTG und ihre Mitglieder beschäftigen, waren vertreten. Ebenso vielfältig war die Art der Vorträge. Sie reichten von detailreichen Berichten zu wissenschaftliche Studien über gut bebilderte Praktikerberichte bis hin zu hilfreichen Informationen über die sich verändernden politischen Rahmenbedingungen.

Offshore-Bau nahm großen Raum ein

Einen großen Teil des Kongresses bestimmte das noch recht neue Thema „Offshore-Windenergieanlagen“ mit allen Facetten der Herausforderungen bei der Planung und dem Bau. Recht eindrücklich machte beispielsweise Dr. Anja Sternberg von der Bilfinger Construction GmbH in ihrem Vortrag „Erfahrungen bei der Installation von Offshore Fundamenten“ die Problematik deutlich, mitten auf hoher See zu bauen. So sei der Ingenieur mit seinen Berechnungen „Wind, Welle, Strömung und Wetter“ ausgeliefert: „Die Wetterdaten müssen für die nächsten 100 Stunden passen. Auf solche Bedingungen haben wir bei unserem Projekt über 17 Tage gewartet“, sagte Sternberg. Zudem sei der marine Bewuchs bei witterungsbedingten Pausen ein Problem, welches das Bauen offshore erschwere.

Dass Ähnliches auch für die langfristige Sicherung der Standfestigkeit gilt, machte der Beitrag von Jörn Adameit von der Nordsee Nassbagger- und Tiefbau GmbH deutlich, der über die Erfahrungen beim Bau eines Kolkschutzes für einen Offshore Windpark mit Natursteinmaterial berichtete. Mit für einen Ingenieur sehr wenigen Zahlen, dafür umso mehr anschaulichen Bildern, zeigte er, dass auch die Sohlsicherung gegen Strömung und Welle noch Pionierarbeit ist. Hier könne nur auf wenig Erfahrungswerte zurückgegriffen werden, weswegen sehr viel Flexibilität notwendig sei. „Beispielsweise sind die errechneten Körnungslinien mit der praktischen Verfügbarkeit abzugleichen und die Leistungskapazität der Steinbrüche in die Überlegungen einzubeziehen“, war einer seiner vielen Ratschläge aus dem Praxiserleben an die Kollegen. 

Von der Planung, Ausführung und der Überwachung des Kolkschutzes für den Offshore-Windpark Amrumbank West berichtete Dennis Grosser von der Sellhorn Ingenieurgesellschaft mbH. Er informierte über die Erfahrungen seines Unternehmens sowohl im Hinblick auf den mineralischen Kolkschutz als auch mit geotextilem Kolkschutz (Sandsäcke). Die günstigere Alternative, die gleichermaßen alle Anforderungen erfülle, sei der geotextile Kolkschutz, der in zwei Lagen ausgeführt wird und durch den der Monopile am Ende durchgerammt wird. Für ihn spreche das deutlich geringere Volumen des einzubringenden Materials, da der geotextile Kolkschutz nur rund ein Drittel des Volumens des mineralischen Kolkschutzes benötigt. Zudem wird logistisch der Einbau des Kolkschutzes vom Einbau des Fundaments entkoppelt. 

Nachfragen zum Themenbereich „Kolkschutz Offshore“ gab es aus dem Publikum vor allem zur Haltbarkeit und der Häufigkeit einer notwendigen Nachbesserung. „Anfangs sind Ein-Jahres-, später Zwei-Jahres-Kontrollen notwendig, wobei eine 5-Jahres–Gewährleistung besteht und Nachbesserungen problemlos möglich sind“, machte Adameit deutlich. Ein mögliches Problem seien aber Extremereignisse. Hier müssten erst noch Erfahrungen gesammelt werden, ob die Modellversuche und die Simulationen der Praxisentwicklung entsprechen.

Dass die Vorgaben des Naturschutzes auch Offshore eine große Rolle spielen, machte der Vortrag von Univ.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Grabe von der Technischen Universität Hamburg-Harburg deutlich, der die Ergebnisse einer Untersuchung zur Reduktion von Unterwasserrammschall präsentierte. Danach werden zwar die hohen Frequenzen durch einen Blasenschleier gut gedämmt, aber bei den niedrigen und mittleren Schallfrequenzen ist die Lärmreduzierung deutlich geringer. Insgesamt sei noch ein tieferes Verständnis für die Ausbreitung von Rammschall - beispielsweise weil der Boden träger als das Wasser reagiert - von Nöten, um auf dieser Basis rammschallreduzierende Maßnahmen zu beurteilen und weiterentwickeln zu können. Dafür gelte es, belastbare Simulationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Erosionen in Flüssen im Fokus des wissenschaftlichen Nachwuchses

Auf besonderes Interesse der Teilnehmer trafen natürlich die Beiträge, die auf dem HTG-Kongress Auszeichnungen erhielten. Der Erick-Lackner-Förderpreis für Diplomarbeiten ging in diesem Jahr an Lars Backhaus, der auf dem Kongress die Ergebnisse seiner ausgezeichneten Arbeit über die „Geschiebezugabe Mittlerer Niederrhein über 40 km“ darstellte. Er untersuchte über Schürf- und Gefrierproben die Sohldynamik des Flusses, um ein Modell zu entwickeln, mit dem die Menge und der Verlauf der Geschiebezulage prognostiziert werden können. Den Erich-Lackner-Förderpreis für Dissertationen erhielt Frau Dr. Gisa Foyer für ihre Arbeit “Prediction Formulae for Processes on and in Porous Bonded Revetments – An Experimental and Numerical Study“.

Ein gutes Beispiel, wie sehr sich der Nachwuchs für die Probleme des Wasserbaus begeistern kann, lieferte auch Fabian Eiffert von der Hochschule Wismar, der zu den ersten Jahrgängen gehört, die nicht mehr den Dipl.-Ing., sondern den Master Engineering erlangt haben. In seiner Masterarbeit untersuchte er die schiffsbedingte Erosion am Nord-Ostsee-Kanal. Sehr detailreich schilderte er die Ergebnisse seiner Modell- und Vor-Ort-Untersuchungen, die zum einen wie erwartet ergaben, dass mit der wachsenden Größe der Schiffe auch die Erosionsgefahr zunimmt, zum anderen aber auch zutage brachten, dass Klei und gleichförmige Sande gefährdet sind und für 40 Prozent der Kanalstrecke eigentlich eine Deckschicht nötig wäre, um den Einfluss von Porenwasserüberdruck in den Böschungsbereichen auszugleichen.

Neue Ideen beim Deichbau und beim Hochwasserschutz

Inwieweit ist behandeltes Baggergut als Substitut zu Klei beim Bau von Deichen geeignet, sowohl mit Blick auf die Anforderungen an die Deichstabilität als auch mit Blick auf die im Baggergut vorhandenen Schadstoffe? – Diese Fragestellung hat Dr. Julia Gebert von der Hamburg Port Authority mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg und der Universität Hamburg in einem Modell- und einem seit 2004 andauernden Feldversuch im Hamburger Hafen untersucht. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass das hydraulische Verhalten des mit Baggergut substituierten Probedeiches langfristig ähnlich dem des konventionell geschichteten Deich ist, im Lastfall aber eine stärkere Durchsickerung erfolgt. Dies läge daran, dass der hohe Anfangswassergehalt, der Ergebnis der Vorbehandlung ist, nach Einbau von dem Material abgegeben wird und es zu einer starken Schrumpfung und daraus folgend zu einer deutlichen Rissbildung kommt. Aus diesem Grund, aber auch wegen der Schadstoffgehalte, sollte das Baggergut nicht an der Deichoberfläche eingesetzt, sondern immer durch eine Kleilage überdeckt werden. Nach einem Einbau im Deichkern seien allerdings keinerlei Emissionen organischer Stoffe gemessen worden und die Emissionen anorganischer Stoffe seien unkritisch gewesen. Grund hierfür sei, dass organische Stoffe in der organischen Substanz fest gebunden und anorganische Stoffe in Form schwer löslicher Verbindungen vorliegen. Eine Überschreitung der Zuordnungswerte nach den Regelwerken des Grundwasser- und Bodenschutzes war lediglich für Sulfat, Nitrat und Leitfähigkeit messbar, also Parameter, die durch die Herkunft und den erhöhten organischen Anteil des Materials bedingt sind, aber keine Schadstoffe im klassischen Sinne darstellen.

Dass Innovationen oft nur die praktische Umsetzung von eigentlich ganz einfachen Ideen sind, zeigte Prof. Dr.-Ing. Bärbel Koppe vom Institut für Wasserbau der Hochschule Bremen und erhielt dafür den Förderpreis der Werner Möbius-Stiftung für Innovation. So werden seit Jahrzehnten bei Hochwasser Sandsäcke, die sowohl im Bau- als auch im Rückbau äußerst material-, zeit- und personalintensiv sind, zur Verhinderung von Deichdurchbrüchen und Sickerwasseraustritten verwendet. Koppe entwickelte mit einem Unternehmen eine Art Plastikschlauch, der leicht an- und abzutransportieren ist, vor Ort mit Wasser befüllt wird und 15 bis 20 Jahre wiederzuverwenden ist. Dabei ersetzt einer dieser Plastikschläuche, der rund 2.500 € kostet, bis zu 1.000 Sandsäcke.

Kommunikation bei Großprojekten und in Projektteams

Wie schwierig das Planen und Bauen von Großprojekten bei zunehmendem Engagement zivilgesellschaftlicher Gruppen geworden ist, zeigt sich im maritimen Bereich fokussiert an dem Beispiel „Elbvertiefung“, die zu einem Synonym für die sehr langen Planungs- und Genehmigungsverfahren in Deutschland geworden ist. Jörg Oellerich und Marc Kindermann von der Hamburg Port Authority berichteten sehr kompakt über den starken Widerstand von Umweltgruppen schon ab Beginn der Planungen im Jahre 2003, über das 2006 begonnene Genehmigungsverfahren mit insgesamt über 7.000 Einwendungen sowie über die 13 Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss. Bei vielen Kernthemen der Kritiker - so bei der Standsicherheit der Deiche und der Süßwasserversorgung für den Obstbau - wurden Lösungen über Planänderungen oder begleitende Projekte gefunden. Andere Konflikte blieben bestehen, so der zwischen Umweltverbänden und Vorhabenträgern um die voraussichtlichen Umweltfolgen der Fahrrinnenanpassung. „Verstärkte Bürgerbeteiligung ist nötig, aber kein Allheilmittel. Die großen Informations- und Diskussionsveranstaltungen waren nicht bei allen Konfliktthemen zielführend. Sehr hilfreich zur Lösung von Konflikten haben sich dagegen die kleineren, moderierten Gespräche mit einzelnen Gruppen von Kritikern wie den Obstbauern erwiesen. Einzige Ausnahme bildeten hier die Naturschutzverbände, die weder in den großen noch in den kleinen Gesprächsrunden von ihrer grundsätzlichen Position gegen das Projekt abgebracht werden konnten“, resümierten die beiden Referenten ihre Erfahrungen der letzten zehn Jahre.

Dass ein Kongressvortrag auch einmal ganz ungewohnt ablaufen und trotzdem sehr lehrreich sein kann, bewiesen Hauke Krebs von der INROS LACKNER AG sowie seine Mitarbeiterinnen Verena Hoffmann und Anna-Lena Matters. In einem „(Fast) realistischen Dialog“ benanntem Gespräch auf dem Podium arbeiteten sie sehr unterhaltsam die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Arbeitgebern und Bewerbern bzw. Jobstartern der Ingenieurssparte heraus und machten in kurzen Resümees deutlich, wie beide Seiten besser zusammenarbeiten könnten, um den „Praxisschock“ nach dem Studium und die damit verbundenen Missverständnisse zu minimieren. Konkret wurde eine noch bessere Abstimmung zwischen den Unternehmen und den Hochschulen angemahnt, aber auch ein aktives und selbstbewusstes Einbringen der an den Hochschulen vermittelten neuen Arbeitsmethoden und Techniken in die Unternehmen durch die Jobstarter gefordert.

Networking in den Kongresspausen und auf den Abendveranstaltungen

Abwechslung zu den geballten Informationen der Fachvorträge fanden die Teilnehmer in der Industrieausstellung, die rund um den Mittags- und Kaffeebereich positioniert und deshalb in jeder Kongresspause gut besucht war. Hier stellten 17 Firmen sich und ihre Leistungen vor.

Dass die drei Kongresstage nicht nur von hochkarätigen Fachinformationen, sondern auch von geselligem Miteinander geprägt waren, dafür sorgten vor allem die Abendveranstaltungen, die von den Teilnehmern zum ausführlichen Austausch, zum Networking, aber eben auch zu Gesprächen abseits des Fachlichem genutzt wurden. Während am Mittwochabend beim Begrüßungsabend noch allein die Geselligkeit und das Wiedersehen der HTG-Mitglieder im Mittelpunkt stand, war der offizielle Kongressabend am Donnerstag durch ein Showprogramm in einem feierlichen Rahmen geprägt: Man traf sich im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums, der für die Veranstaltung sehr stilvoll vorbereitet war.

Wer nicht in Berlin dabei sein konnte, hat die Möglichkeit, sich im Tagungsband des HTG-Kongresses 2014 über die Inhalte der Vorträge näher zu informieren. Dieser kann über service@htg-online.de angefordert werden. Der nächste HTG-Kongress ist für den 9. – 11. September 2015 in Bremen geplant.

Thomas Krieger