Online-Jahrbuch 2022 / 2023

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Unterhaltung von Häfen und Wasserstraßen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Hafentechnischen Gesellschaft,

wenn wir heute über Häfen und Wasserstraßen sprechen, dann sprechen wir nicht über Nebensächlichkeiten einer spezialisierten Infrastruktur. Wir sprechen über die Versorgung eines Landes, das in besonderer Weise vom Seehandel, von der Binnenschifffahrt, von leistungsfähigen Hafenanlagen und von funktionsfähigen Wasserstraßen abhängt. Die Unterhaltung dieser Infrastruktur ist daher keine rein operative Pflichtaufgabe, sondern eine strategische Daueraufgabe mit erheblicher volkswirtschaftlicher, verkehrspolitischer, ökologischer und sicherheitsrelevanter Bedeutung.

Das Thema dieses Jahrbuchs trifft den Kern der Gegenwart: Die wasserseitige Infrastruktur in Deutschland ist vielerorts leistungsfähig, aber zugleich in die Jahre gekommen, hoch beansprucht und unter immer schwierigeren Randbedingungen zu betreiben. An den Küsten treffen wir auf Häfen, Vorhäfen, Schleusen, Molen, Kaimauern und Küstenschutzbauwerke, die in Tide- und Sedimentdynamiken funktionieren müssen und zugleich mit zunehmenden Extremwetterereignissen, höheren Wasserständen, stärkeren Belastungen durch Schiffsverkehre und wachsendem Anpassungsdruck durch den Klimawandel konfrontiert sind. Im Binnenland wiederum stehen Schleusen, Wehre, Kanäle, Uferbefestigungen und Wasserstraßenbauwerke unter dem Druck jahrzehntelanger Nutzung, altersbedingter Substanzverluste und steigender Anforderungen an Verfügbarkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit.

Gerade in Deutschland zeigt sich dabei ein Spannungsfeld, das sich in den letzten Jahren weiter zugespitzt hat. Einerseits soll die Wasserstraße als besonders energieeffizienter Verkehrsträger gestärkt werden, um Logistikketten klimafreundlicher zu gestalten und Straßen- wie Schieneninfrastrukturen zu entlasten. Andererseits ist der Zustand vieler Bauwerke geprägt von Sanierungsstau, begrenzten Bauzeitenfenstern, komplexen Genehmigungsprozessen, Fachkräftemangel und einer wachsenden Konkurrenz unterschiedlicher Nutzungsansprüche. In den Küstenregionen verschärfen sich diese Herausforderungen zusätzlich durch den Meeresspiegelanstieg, durch veränderte hydrodynamische Prozesse, durch Sedimentumlagerungen und durch die Notwendigkeit, Küstenschutz, Hafenentwicklung und ökologische Anforderungen stärker miteinander zu verzahnen. Die HTG hat diese Verknüpfungen im Kongress 2023 selbst deutlich herausgestellt, indem der Kongress im Zeichen von Klimafolgen, Klimaverantwortung, Digitalisierung, Infrastruktur und Ökologie stand.

Hinzu kommt: Unterhaltung ist heute nicht mehr nur das Fortsetzen des Bisherigen. Unterhaltung bedeutet heute, Bestandsbauwerke unter veränderten klimatischen, funktionalen und regulatorischen Bedingungen so zu erhalten, zu ertüchtigen oder zu erneuern, dass ihre Funktion langfristig gesichert bleibt. Sie verlangt eine neue Sicht auf Lebenszyklen, auf robuste Planungsansätze, auf digitale Methoden wie BIM, auf mess- und modellgestützte Überwachung, auf ressourcenschonende Bauweisen und auf eine vorausschauende Priorisierung. Die in den HTG-Tagungsbänden dokumentierten Beiträge zeigen genau diese Entwicklung sehr eindrücklich.

Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Beitrag „Schleuse Papenburg – Neubau Außenhaupt, Schleusenbau bei laufendem Betrieb“. Schon der Titel macht deutlich, welche Realität die Unterhaltung vieler wasserbaulicher Anlagen heute prägt: Es geht nicht mehr um den idealisierten Neubau auf der grünen Wiese, sondern um die Erneuerung in einem hochkomplexen System. Wo Schifffahrt, Bauablauf, Sicherheit, Wasserhaltung, Terminzwänge und Öffentlichkeit gleichzeitig berücksichtigt werden müssen, wird Schleusenbau zur Präzisionsarbeit. Der Neubau eines Außenhauptes bei laufendem Betrieb steht exemplarisch für eine Infrastruktur, die sich nicht abschalten lässt, weil sie für regionale Wirtschaftsräume und ganze Verkehrsketten unverzichtbar ist. Gerade solche Projekte machen sichtbar, wie anspruchsvoll die Schnittstelle zwischen Unterhaltung, Ersatzneubau und Betriebssicherung geworden ist.

Ein zweites Beispiel ist die Weseranpassung: Planung und wasserbauliche Wirkung. Der Beitrag zeigt, dass Unterhaltungs- und Anpassungsmaßnahmen an Tidegewässern nie isoliert betrachtet werden können, weil eine Veränderung der Fahrrinne immer auch auf Sedimentation, Erosion, Salzintrusion, Uferbelastungen und ökologische Systeme wirkt. Die Weser ist Verkehrsweg und Naturraum zugleich; genau diese Doppelrolle war bereits im Vorwort des HTG-Kongressprogramms hervorgehoben worden. Die wasserbauliche Wirkung größerer Eingriffe lässt sich deshalb nur im Zusammenspiel von numerischer Modellierung, hydrodynamischer Analyse und Umweltbewertung verstehen. Die Weseranpassung steht damit exemplarisch für die Aufgabe, infrastrukturelle Leistungsfähigkeit und naturverträgliche Entwicklung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern fachlich belastbar zusammenzuführen.

Besonders anschaulich wird der Instandhaltungscharakter auch an den küstennahen Bauwerken in Wilhelmshaven. Der Beitrag „Wasserbauliche Untersuchungen zur möglichen Umgestaltung der Ostmole des Wilhelmshavener Vorhafens im Rahmen der Bauwerkssanierung“ zeigt, wie eng Sanierung, funktionale Weiterentwicklung und wasserbauliche Randbedingungen miteinander verbunden sind. Eine Mole ist nicht nur ein Bauwerk, sondern Teil eines strömungs- und wellenphysikalischen Gesamtsystems. Wenn sie saniert oder umgestaltet wird, betrifft dies nicht nur die Standsicherheit oder die Instandsetzungsplanung, sondern auch die Wirkung auf Schifffahrt, Wellenschutz, Sedimentdynamik und die Betriebsqualität des Vorhafens. Ähnlich verhält es sich mit der Erneuerung der Schiebetore der Großen Seeschleuse Wilhelmshaven: Hier wird deutlich, dass zentrale Funktionsbauteile von Schleusen einerseits hochspezialisierte Maschinen- und Stahlwasserbaukomponenten sind, andererseits aber für die Gesamtsicherheit und Verfügbarkeit eines Hafens von herausragender Bedeutung bleiben. Der Austausch oder die Erneuerung solcher Tore ist kein Detailthema, sondern ein zentraler Beitrag zur Sicherung der gesamten Hafenfunktion.

Dass die Unterhaltung von Wasserstraßen und Häfen heute immer stärker mit Fragen der Verkehrswende und des Klimaschutzes verknüpft ist, zeigt der Beitrag „Potenziale der Binnenschifffahrt zur Verbesserung des Klimaschutzes“ besonders deutlich. Die Binnenschifffahrt kann ihre klimatischen Vorteile nur dann voll entfalten, wenn Wasserstraßen zuverlässig befahrbar, Schleusen verfügbar und Hafenanlagen leistungsfähig sind. Der Klimaschutzbeitrag der Binnenschifffahrt ist deshalb untrennbar mit der Qualität der Unterhaltung verbunden. Wer den Verkehr auf die Wasserstraße verlagern will, muss deren Infrastruktur verlässlich erhalten und modernisieren.

Besonders stark tritt die gesellschaftliche Dimension beim Beitrag „Neubau der Schleuse Lüneburg – Planung eines Jahrhundertbauwerks im Dialog“ hervor. Schon die Formulierung „im Dialog“ verweist darauf, dass Großprojekte an Wasserstraßen heute nicht mehr ausschließlich als technische Vorhaben verstanden werden können. Sie sind Planungs-, Kommunikations- und Aushandlungsprozesse. Es geht um Akzeptanz, um Transparenz, um Nachvollziehbarkeit und um die Fähigkeit, technische Notwendigkeiten in einer Öffentlichkeit zu vermitteln, die berechtigterweise hohe Erwartungen an Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Qualität stellt.

Die zunehmende Bedeutung nachhaltiger Planungs- und Betriebsprinzipien wird ebenfalls im Beitrag „Nachhaltigkeit an Binnenwasserstraßen – Anforderungen an das Handeln des Wasserstraßenmanagements“ sichtbar. Hier zeigt sich, dass Nachhaltigkeit im Wasserstraßenmanagement kein Zusatz, sondern ein verbindlicher Maßstab geworden ist. Es geht um Ressourceneffizienz, um Lebenszyklusdenken, um ökologische Verträglichkeit, um langfristige Betriebssicherheit und um die Fähigkeit, Maßnahmen so zu gestalten, dass sie sowohl den Verkehr sichern als auch Umweltbelastungen begrenzen. In dieser Hinsicht markiert der Beitrag einen wichtigen Perspektivwechsel: Nicht nur einzelne Bauwerke, sondern das Management ganzer Infrastruktursysteme muss nachhaltig gedacht werden. Das gilt für Planen, Bauen, Erhalten und Betreiben gleichermaßen.

Der Beitrag „Neubau von fünf Schleusen am Dortmund-Ems-Kanal – Geotechnische und geohydraulische Aspekte“ führt diese Sicht weiter und macht deutlich, wie sehr der Unterhaltungs- und Erneuerungsbedarf im Binnenbereich inzwischen in den Bereich hochkomplexer ingenieurtechnischer Lösungen hineinreicht. Schleusenanlagen sind im geotechnischen und geohydraulischen Kontext besonders sensible Bauwerke. Wer sie neu baut oder ersetzt, muss Baugrund, Wasserstände, Setzungen, Abdichtungen, Grundwasserverhältnisse und Bauabläufe in einem fein austarierten System zusammenbringen. Der Beitrag steht damit beispielhaft für eine Infrastruktur, die in ihrer Erneuerung technisch anspruchsvoller wird, gerade weil sie jahrzehntelang zuverlässig funktionieren soll.

Einen weiteren Entwicklungsschritt dokumentiert der Beitrag „Planung der Grundinstandsetzung und Verlängerung der Schleuse Pleidelsheim – Anwendung der BIM-Methode“. Hier wird sichtbar, dass digitale Methoden im Wasserbau längst nicht mehr nur Begleitwerkzeuge sind, sondern zu einem zentralen Instrument für Bestandsanalyse, Planungskoordination und Bauablaufsteuerung werden. Besonders bei Grundinstandsetzungen und Anpassungen bestehender Schleusen ist BIM geeignet, die Komplexität von Bauwerk, Anlagentechnik, Betriebsrandbedingungen und Terminplanung in einer gemeinsamen Datenbasis abzubilden. Genau darin liegt ein wesentlicher Beitrag zur besseren Unterhaltung: Digitalisierung schafft nicht nur Effizienz, sondern auch Transparenz und Entscheidungsqualität.

Auch der Ersatzneubau der Häupter der Ostschleuse Hohensaaten steht in dieser Linie. Ersatzneubauten sind typische Antworten auf eine Infrastruktur, deren technische Lebensdauer erreicht oder überschritten ist, deren Betrieb aber weiter gewährleistet werden muss. Gerade die Häupter einer Schleuse sind funktional und konstruktiv hoch beanspruchte Bauteile; ihre Erneuerung ist daher wesentlich für die Verfügbarkeit des gesamten Systems. Solche Projekte zeigen die stille, aber entscheidende Realität des Wasserbaus: Die Funktionsfähigkeit unserer Verkehrs- und Hafensysteme beruht auf kontinuierlicher Erneuerung, auf sorgfältiger Unterhaltung und auf der Bereitschaft, bestehende Strukturen rechtzeitig zu ersetzen.

Wenn man diese Beiträge gemeinsam betrachtet, entsteht ein sehr klares Bild. Die wasserbauliche Zukunft Deutschlands entscheidet sich nicht nur in großen Neubauprojekten, sondern ebenso in der Qualität der Unterhaltung. In den Küstenregionen bedeutet das die Sicherung von Hafenfunktionen, den Umgang mit klimatischen Veränderungen, die Anpassung an dynamische morphologische Prozesse und die Integration von Küstenschutz, Umwelt und Nutzung. Im Binnenland bedeutet es die zuverlässige Verfügbarkeit von Schleusen, Kanälen, Wehren und Häfen, die Erneuerung alter Bauwerke und die Stärkung eines Verkehrsträgers, der für die klimafreundliche Güterlogistik unverzichtbar ist. Die HTG-Jahrbücher und Tagungsbände dokumentieren damit nicht nur Projekte, sondern auch einen fachlichen und gesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung von Wasserbau und Infrastruktur.

Bedeutung der Unterhaltung

Unterhaltung ist dabei nicht als defensives „Weiter so“ zu verstehen. Sie ist vielmehr eine aktive Zukunftsaufgabe. Sie verlangt die Fähigkeit, Bestände kritisch zu bewerten, Risiken frühzeitig zu erkennen, Prioritäten transparent zu setzen und Maßnahmen so zu planen, dass sie betrieblich, ökologisch und wirtschaftlich tragfähig sind. In einer Zeit knapper personeller und finanzieller Ressourcen ist genau das eine der größten Herausforderungen für die zuständigen Verwaltungen, für Planungsbüros, Bauunternehmen, Forschungseinrichtungen und Betreiber.

Für die Seehäfen bedeutet dies, dass Unterhaltung zunehmend über die reine Reparatur hinausgeht. Es geht um die Anpassung an neue Bemessungsgrundlagen, um die Sanierung von Kaimauern und Molen, um den Ersatz kritischer Tore und Verschlüsse, um Sedimentmanagement und um die Sicherung leistungsfähiger Zufahrten. Für die Binnenwasserstraßen heißt es, die lange vernachlässigte Erneuerung von Schleusen, Wehren und Uferanlagen endlich in einen strategischen Rahmen zu stellen, der Verlässlichkeit vor kurzfristiger Symbolpolitik stellt.

Die HTG leistet mit ihren Tagungen, Publikationen und Fachbeiträgen hierfür einen wichtigen Beitrag. Sie schafft nicht nur eine Plattform für den Austausch über technische Lösungen, sondern auch einen Raum für die Diskussion darüber, wie Infrastrukturpolitik, Nachhaltigkeit und Ingenieurpraxis zusammengeführt werden können. Genau darin liegt der Wert dieses Jahrbuchs: Es versammelt Beiträge, die zeigen, wie vielfältig Unterhaltung ist – von der Molen- und Kaimauererneuerung über Schleusenneubau und -instandsetzung bis hin zu digitalen Methoden und strategischen Fragen der Verkehrswende.

Schlussgedanke

Das Jahrbuch 2022/2023 trägt den Titel „Unterhaltung von Häfen und Wasserstraßen“ – und kaum ein Titel könnte die Lage treffender beschreiben. Denn die wahre Stärke unserer wasserseitigen Infrastruktur zeigt sich nicht allein im Neubau, sondern in der Fähigkeit, Bestehendes dauerhaft funktionsfähig, sicher und zukunftsfähig zu halten. Das verlangt technische Exzellenz, langfristiges Denken, institutionelle Verlässlichkeit und den Mut, auf veränderte Rahmenbedingungen mit klugen Lösungen zu reagieren.

Die in diesem Band versammelten Beiträge verdeutlichen, dass Unterhaltung heute ein Feld hoher Innovationskraft ist. Sie ist ein zentraler Beitrag zur Resilienz der deutschen Infrastruktur, zur Wettbewerbsfähigkeit der Häfen, zur Zukunft der Wasserstraßen und nicht zuletzt zum Klimaschutz. Vor allem aber ist sie Ausdruck eines professionellen Selbstverständnisses, das Verantwortung übernimmt für das, was gestern gebaut wurde, heute betrieben wird und morgen noch funktionieren muss.

In diesem Sinne lädt das Jahrbuch dazu ein, die Unterhaltung von Häfen und Wasserstraßen nicht als Randaufgabe, sondern als Kern unserer wasserbaulichen Zukunft zu begreifen.

 

Schleuse Papenburg – Neubau Außenhaupt, Schleusenbau bei laufendem Betrieb

 

Weseranpassung: Planung und wasserbauliche Wirkung

 

Wasserbauliche Untersuchungen zur möglichen Umgestaltung der Ostmole des Wilhelmshavener Vorhafens im Rahmen der Bauwerkssanierung

 

Erneuerung der Schiebetore der Großen Seeschleuse Wilhelmshaven

 

Potenziale der Binnenschifffahrt zur Verbesserung des Klimaschutzes

 

Neubau der Schleuse Lüneburg – Planung eines Jahrhundertbauwerks im Dialog

 

Nachhaltigkeit an Binnenwasserstraßen – Anforderungen an das Handeln des Wasserstraßenmanagements

 

Neubau von fünf Schleusen am Dortmund-Ems-Kanal – Geotechnische und geohydraulische Aspekte

 

Planung der Grundinstandsetzung und Verlängerung der Schleuse Pleidelsheim – Anwendung der BIM-Methode

 

Ersatzneubau der Häupter der Ostschleuse Hohensaaten

 

 

Weitere Veröffentlichungen

HTG Kongress 2022:    Tagungsband A

 

HTG Kongress 2022:    Tagungsband B

 

HTG Kongress 2022:    Posterausstellung

 

HTG Kongress 2023:    Tagungsband A

 

HTG Kongress 2023:    Tagungsband B

 

HTG Kongress 2023:    Posterausstellung

 

 

Veröffentlichungen der Fachgremien der HTG

Fachausschuss Küstenschutzwerke:    Empfehlungen des Fachausschusses Küstenschutzwerke (EAK)

 

Weitere Fachpublikationen der Fachgremien:  Fachpublikationen