Resilienz durch Anpassung
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder und Freunde der Hafentechnischen Gesellschaft,
mit dem Jahrbuch 2024/2025 legt die Hafentechnische Gesellschaft einen Band vor, dessen Titel die zentrale Herausforderung unserer Zeit prägnant zusammenfasst: Resilienz durch Anpassung. In kaum einem anderen Infrastrukturbereich ist dieser Anspruch so unmittelbar greifbar wie an unseren Häfen, Wasserstraßen und Küsten. Denn hier zeigt sich Tag für Tag, dass Funktionsfähigkeit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit nicht allein durch Neubau entstehen, sondern vor allem durch die Fähigkeit, bestehende Systeme rechtzeitig, klug und vorausschauend an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Die Ausgangslage in Deutschland ist dabei eindeutig, aber anspruchsvoll. An den Küsten stehen Häfen, Schleusen, Vorhäfen, Molen und Küstenschutzbauwerke unter dem Einfluss eines sich wandelnden Klimas mit steigenden Wasserständen, veränderten Tide- und Morphodynamiken, häufigeren Extremereignissen und wachsenden Anforderungen an Betriebssicherheit und Verfügbarkeit. Im Binnenland sehen sich Wasserstraßen, Schleusen, Wehre, Hafenanlagen und Uferbefestigungen mit wiederkehrenden Niedrigwasserphasen, Hochwassersituationen, Temperatur- und Niederschlagsänderungen sowie einer insgesamt zunehmenden klimatischen und betrieblichen Unsicherheit konfrontiert. Zugleich wächst der Druck, die Wasserstraße als nachhaltigen Verkehrsträger zu stärken und ihre Rolle für Versorgungssicherheit, Industrieanbindung und klimafreundliche Logistik auszubauen. Resilienz bedeutet unter diesen Bedingungen nicht, Belastungen einfach auszuhalten. Resilienz bedeutet vielmehr, Strukturen so zu gestalten, dass sie Störungen aufnehmen, Schäden begrenzen, Funktionen rasch wiederherstellen und sich an neue Bedingungen anpassen können. Gerade die wasserseitige Infrastruktur ist darauf in besonderer Weise angewiesen. Sie ist exponiert, komplex, langlebig und systemrelevant. Ihre Widerstandsfähigkeit entscheidet darüber, ob Häfen ihre Rolle als Drehscheiben des Güterverkehrs erfüllen können, ob Wasserstraßen verlässlich befahrbar bleiben und ob die Infrastruktur insgesamt den Anforderungen von Klimaanpassung, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit genügt.
Dass diese Aufgaben längst nicht mehr abstrakt sind, zeigt auch die Arbeit der HTG selbst. Mit der Veröffentlichung des ersten Teils des Berichts „Klimawandelanpassung von See- und Binnenhäfen in Deutschland – Teil 1: Klimaänderungen in Deutschland“ hat das Fachforum Klimawandelanpassung von See- und Binnenhäfen in Deutschland einen wichtigen fachlichen Referenzrahmen geschaffen. Der Bericht macht deutlich, dass sich die klimatischen Belastungsgrößen für Häfen und wasserbauliche Anlagen verändern und dass diese Veränderungen nicht nur statistisch, sondern sehr konkret in Planung, Bau, Betrieb und Unterhaltung hineinwirken. Für die Seehäfen stehen dabei insbesondere Meeresspiegelanstieg, veränderte Mittel- und Extremwasserstände, Tide- und Morphodynamik sowie die Zunahme von Extremtemperaturen, Starkniederschlägen und Stürmen im Vordergrund. Für die Binnenhäfen und Binnenwasserstraßen sind es vor allem veränderte Niedrig- und Hochwasserlagen, Extremwetterperioden, morphologische Veränderungen angrenzender Gewässer sowie direkte Einwirkungen atmosphärischer Extremereignisse auf Betrieb und Planung.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die folgenden ausgewählten Beiträge des HTG-Kongresses 2025 besondere Bedeutung. Sie zeigen nicht nur einzelne technische Lösungen, sondern auch die Richtung, in die sich die Fachwelt bewegt. Der Beitrag „Zukunftssichere Häfen: Bewältigung der Klimafolgen“ macht deutlich, dass Häfen heute systematisch auf künftige Belastungen vorbereitet werden müssen. Zukunftssicherheit entsteht nicht durch punktuelle Reaktion, sondern durch strategische Vorsorge, durch robuste Bau- und Betriebskonzepte, durch Anpassungsfähigkeit und durch eine klare Priorisierung von Maßnahmen. Gerade im Hafenbau bedeutet dies, dass Instandhaltung, Ertüchtigung, Redundanz und Notfallvorsorge immer stärker zusammengedacht werden müssen.
Der Beitrag „Nachhaltigkeitsbewertung im Hafen- und Wasserbau – Bestandsaufnahme und Ausblick“ verweist auf einen weiteren zentralen Aspekt: Resilienz ist ohne Nachhaltigkeit nicht dauerhaft erreichbar. Wer Infrastrukturen anpasst, muss ihre ökologischen, ökonomischen und sozialen Wirkungen im gesamten Lebenszyklus betrachten. Nachhaltigkeitsbewertung wird damit zu einem Steuerungsinstrument, das über die einzelne Baumaßnahme hinausweist und hilft, Entscheidungen über Planung, Bau, Betrieb und Erneuerung fachlich belastbar zu treffen. Damit verbindet sich ein Perspektivwechsel, der in der wasserbaulichen Praxis immer wichtiger wird: Nicht nur die technische Machbarkeit ist entscheidend, sondern auch die langfristige Tragfähigkeit der Lösung.
Besonders aktuell ist in diesem Zusammenhang der Beitrag „Sedimentmanagement im Angesicht des Klimawandels – Potenziale“. Sediment ist im Hafen- und Wasserbau nie nur ein Nebenprodukt morphodynamischer Prozesse, sondern ein entscheidender Faktor für Nutzbarkeit, Sicherheit und Unterhaltungsaufwand. Der Klimawandel verändert die Sedimentdynamik, beeinflusst Einträge, Umlagerungen und Ablagerungen und stellt damit neue Anforderungen an Unterhaltungsstrategien, Baggerkonzepte und die Bewertung von Eingriffen. Gerade an Küsten und in tidebeeinflussten Gewässern wird deutlich, dass Resilienz auch heißt, Sedimentmanagement nicht als rein operative Maßnahme, sondern als integralen Bestandteil einer vorausschauenden Infrastrukturstrategie zu begreifen.
Die Doppelschleuse Geesthacht steht sinnbildlich für die Verbindung von technischer Bestandsinfrastruktur und Klimaanpassung. Der Beitrag „Doppelschleuse Geesthacht: Berücksichtigung der Auswirkungen des Klimawandels“ zeigt, dass auch bei bereits bestehenden Anlagen die Auswirkungen veränderter klimatischer Randbedingungen in Planung, Bewertung und Betrieb berücksichtigt werden müssen. Gerade Schleusen sind Schlüsselbauwerke der Binnenwasserstraßen: Sie sichern Höhenüberwindungen, Betriebsketten und Verkehre über große Entfernungen. Ihre Anpassung an zukünftige Belastungen ist deshalb nicht nur eine technische Detailfrage, sondern ein zentraler Beitrag zur Systemresilienz des gesamten Wasserstraßennetzes.
Resilienz entsteht nicht aus einer einzigen großen Maßnahme, sondern aus der Summe vieler vorausschauender Entscheidungen. Sie entsteht durch belastbare Daten, durch gute Planung, durch robuste Bauweisen, durch digitale Methoden, durch intelligente Unterhaltung und durch die Bereitschaft, aus Erfahrungen zu lernen. Sie entsteht auch durch interdisziplinäre Zusammenarbeit: zwischen Hafenbetrieben, Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, Kommunen, Ländern, Forschungseinrichtungen, Ingenieurbüros und Bauwirtschaft.
Die HTG nimmt in diesem Prozess eine wichtige Rolle ein. Sie bietet ein Forum, in dem Erfahrungen gebündelt, Forschungsergebnisse eingeordnet und praktische Lösungsansätze weiterentwickelt werden können. Das Jahrbuch 2024/2025 dokumentiert diese gemeinsame fachliche Bewegung. Es macht deutlich, dass Resilienz im Hafen- und Wasserbau keine abstrakte Zielgröße ist, sondern eine konkrete ingenieurpraktische Aufgabe, die in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Wir wünschen Ihnen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.
Zukunftssichere Häfen: Bewältigung der Klimafolgen
Nachhaltigkeitsbewertung im Hafen- und Wasserbau – Bestandsaufnahme und Ausblick
Sedimentmanagement im Angesicht des Klimawandels – Potenziale
Doppelschleuse Geesthacht: Berücksichtigung der Auswirkungen des Klimawandels
Weitere Veröffentlichungen
HTG Kongress 2025: Tagungsband A
HTG Kongress 2025: Tagungsband B
HTG Kongress 2025: Posterausstellung
Publikationen der Fachgremien der HTG: Fachpublikationen
